Fechtmeister



Kampfgerichtsbarkeit, Kampfrecht und Gottesurteil

Die Kampfgerichtsbarkeit war eine Art von Gerichtsbarkeit, in der man Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und auch Verbrechen durch den Zweikampf entscheiden konnte. Für diese Kampfgerichtsbarkeit, die sich seit dem 14. Jhdt. bis zur Mitte des 16. Jhdt. stark verbreitet hatte, gab es dann ein bestimmtes Kampfrecht.

 

Wichtig ist hier, dass es sich nicht um Gottesurteile oder Teile eines Gerichtsprozesses handelte. Dieser Sachverhalt wird leider meist falsch dargestellt oder Fakten werden vermischt. Die Kampfgerichtsbarkeit war eine Art von Gerichtsprozess, bei dem von Anfang an der Zweikampf zur Klärung des Streits feststand und man sein Gegenüber vor Gericht dazu auffordern musste.

 

Talhoffer beschrieb dieses Prozedere detailliert in seinem Fechtbuch MS Thott.290.2°. Die Kämpfer hofften zwar, dass Gott auf ihrer Seite stehe und ihnen helfe, aber es ging hier nicht um ein Gottesurteil.


Gottesurteil

Unter Gottesurteil verstand man allgemein das Eingreifen Gottes in die Urteilsfindung. Bei Zweikämpfen war man davon ausgegangen, dass Gott auf der Seite des Unschuldigen bzw. des Rechten steht und ihn im Kampf unterstützt und er dadurch gewinnt. Da hier oft der Bessere oder Stärkere gewann und Unschuldige verurteilt wurden, stand diese Art der Rechtsfindung schon immer in der Kritik. Die Kirche verbot dann Mitte des 13. Jhdt. die Gottesurteile. Und durch die weiter fortschreitende Rezeption des römischen Rechts und die Professionalisierung des Rechtssystems (vor allem in den Städten), traten der Beweis und die Zeugenaussage an Stelle des Kampfes. Der „normale“ Bürger erhob Anklage am zuständigen Stadtgericht, um Verbrechen zu vergelten.

 

Im 14. und 15. Jhdt. verschwanden die Gottesurteile zunehmend aus dem Rechtssystem. Auch der Zweikampf als Beweismittel verlor an Bedeutung und war im 15. Jhdt. nicht mehr üblich. Die Bürger wurden endgültig vom Gerichtskampf befreit.
Die meisten Bürger werden auch kaum ein Interesse daran gehabt haben, ihr Leben zu riskieren, um einen Streit zu klären. Ein Gerichtsprozesses, bei dem man am Ende vielleicht sogar noch Schadensersatz erhielt, war wohl die bessere Lösung.



Was war die Kampfgerichtsbarkeit?

Die Kampfgerichtsbarkeit war vor Allem für Ehrenhändel / Ehrverletzungen, Zwistigkeiten und Verbrechen zwischen Adeligen gedacht. Talhoffer nennt in seinem Fechtbuch von 1459 ( MS Thott.290.2°) zum Beispiel Mord, Verrat und auch Vergewaltigung. Er erklärt weiter wie der gesamte Prozess bis hin zum Kampf abzulaufen hat. Er richtet sich hier auch an eine adlige „bessere“ Leserschaft.

 

Die Regeln für solche Zweikämpfe wurden dann durch ein bestimmtes, oft regionales Kampfrecht bestimmt. Hier wurden Verhaltensregeln, Waffen, Ausrüstung und ähnliches bestimmt.

 

Dazu gehörte dann auch der Kampf auf einem dafür vorgesehen Kampfplatz. Es gab in Städten Gerichtskampfplätze, auf denen man solche Zweikämpfe unter Aufsicht der Obrigkeit durchführen musste. Dafür wurde dann ein Kampftag festgesetzt. Talhoffer beschreibt den Ablauf der Vorbereitungen sehr genau in einem seiner Fechtbücher. Er selbst schildert diesen Ablauf als alte Tradition, die seit jeher bei Adligen üblich sei. Man versuchte die Kämpfe durch Regeln in Grenzen zu halten und Ausschreitungen zu vermeiden. Bei Talhoffer erfährt man, dass das Anliegen eines Zweikampfes vor einem Gericht oder dem lokalen Landesherren / Lehnsherren vorgetragen werden musste.

 

Diese Zweikämpfe wurden vornehmlich von Adeligen (und vermutlich auch „wohlhabenderen“ Bürgern) bestritten. Denn in der Lebenswelt dieser sozialen Schichten, spielten Ehrverletzungen eine besondere Rolle. Auch der Mord an einem Vasallen, oder Familienmitglied wurde in solchen Kreisen oft durch Fehden oder Zweikämpfe wieder gut gemacht.

Neben diesen offiziellen Zweikämpfen, gab es natürlich noch Zweikämpfe außerhalb der Gerichtsbarkeit von Städten. Der Zweikampf zwischen Rittern beim Duell und bei Turnieren zählt ebenso dazu wie Zweikämpfe vor oder während der Schlacht sowie Zweikämpfe zwischen zwei Parteien an einem verabredeten Platz. Doch auch hier gab es, der Ehre halber, meist bestimmte Regeln.

 

Schaut man sich die Masse der Fechtbücher des 15. und 16. Jhdt. an, und zieht weitere Quellen hinzu, scheint die Kampfgerichtsbarkeit im 15. Jhdt. ein sehr weit verbreitetes System gewesen zu sein und zum adligen Alltag gehört zu haben.

Es scheint ein starkes Bedürfnis gegeben zu haben, Kampftechniken zu erlernen, die dazu dienten, solch einen Zweikampf zu bestehen. Dies würde auch das Aufblühen der Fechtschulen und der Fechtgenossenschaften erklären.

 

Die überlieferte Fechtkunst hatte offensichtlich von Anfang an eine Verbindung zum Gerichtskampf, was bei den Fechthandschriften Talhoffers und auch Kals wohl am deutlichsten wird. Sie beziehen ihre Werke eindeutig darauf.


Was verstehen wir unter einem Schirmeister?

Allgemein versteht man unter Schirmeister einen Lehrer oder Meister der Kampfkünste, der andere in diesen unterweist. Schirmeister leitet sich ursprünglich von „schirmen“ (sich schützen) ab und geht darauf zurück, dass man sich durch die Kampftechniken schützt.

Die Schirmeister waren zu Anfang in der Regel „Fahrende“ und zogen umher, um ihr meist adeliges oder bürgerliches Klientel im Fechten zu unterrichten. Ihr Geld verdienten die Fechtmeister wohl hauptsächlich damit, ihre „Kunden“ auf Gerichtskämpfe und Zweikämpfe aller Art vorzubereiten und sie zu begleiten.

 

Zudem gab es in einigen Städten Fechtschulen, an denen man die Fechtkunst erlernen konnte. Erst später, zur Mitte des 15. Jhdt., bildeten sich auch im deutschsprachigen Raum Fechtbruderschaften und Genossenschaften. Diese Bruderschaften waren Zusammenschlüsse von Fechtmeistern, meist einer bestimmten Tradition, wie z.B. der Tradition nach Liechtenauer. Innerhalb dieser Bruderschaften konnte man dann nach Prüfungen den Titel „Meister des Schwertes“ erlangen. Diese Titel bestätigten dann die „Ausbildung“ in der Fechtkunst durch eine (wenn anfangs auch nicht offiziell) anerkannte Fechtbruderschaft.

 

Später gegen Ende des 15. Jhdt. und zu Anfang des 16.Jhdt. bekamen einige Fechtschulen Privilegienbriefe vom Kaiser und wurden offiziell anerkannt. Sie bekamen das Privileg alleiniger Träger der Fechtkunst zu sein. In wie weit dieser Anspruch in der Realität geltend gemacht werden konnte, bleibt allerdings fraglich.

 

Eine der bekanntesten Bruderschaften des 15. Jhdt., war wohl die „Gemeine Bruderschaft unser lieben Frauen der reinen Jungfrau Mariens und des heiligen und gewaltsamen Himmelfürsten Sankt Marxen“, kurz Marxbruderschaft.

 

Die Organisation der Fechtmeister in Bruderschaften, ist als Reaktion auf die vielen fahrenden Schaukämpfer (= Leichtmeister, Schwertgaukler) zu verstehen. Diese ehemaligen Lohnkämpfer und Kemphen, zogen wie Gaukler umher und unterhielten die Leute mit Schaukämpfen oder lehrten „irgendwelche“ Fechttechniken. Um sich von diesen Fahrenden abzugrenzen und die „wahre“ Fechtkunst zu bewahren, schlossen sich die Fechtmeister in Organisationen zusammen.

 

Doch auch die Fechtmeister zogen umher, von Auftraggeber zu Auftraggeber, um ihre Dienste anzubieten. Meist waren es Adlige, Bürger und Soldaten, denen sie die Fechttechniken beibrachten. Dadurch blieben die Grenzen zwischen den unehrlichen „Fahrenden“ und den ehrbaren „Schwertmeistern“ trotz der Abgrenzungsversuche lange Zeit verschwommen.
Ihr Geld verdienten die Fechtmeister wohl hauptsächlich damit, ihre „Kunden“ auf Gerichtskämpfe und Zweikämpfe aller Art vorzubereiten und sie zu begleiten.


Was wissen wir über die Fechtmeister?

Schaut man sich die wenigen biographischen Fragmente an, die von Fechtmeistern bekannt sind, so entsteht ein sehr heterogenes Bild. Unter den Fechtmeistern finden wir Mönche und Priester, Heerführer und Hauptleute, in der Mathematik und Astrologie gebildete Männer und sogar Juden.

 

Wir erfahren weiterhin, dass sie als Kämmerer, Söldner, Heerführer, und Zolleintreiber ihr Geld verdienten. Talhoffer scheint sehr gebildet gewesen zu sein und war wohl auch eine Art Erfinder, der seine Ideen an Geldgeber verkaufte. Ein Teil seiner Fechthandschrift von 1459 beinhaltet ein älteres Kriegsbuch, das sogenannte "Bellifortis". Zudem gibt es einen Teil über Astrologie und Mathematik, vermutlich, um den perfekten Kampftag zu ermitteln. Wir wissen auch, dass er Zeichner und Schreiber als Angestellte hatte.

 

Ein Meister, Paulus Kal, taucht als Zeuge in einem Inquisitionsprozess auf und wurde festgesetzt, weil er innerhalb der Stadtmauern seine Waffen zog. Er war wohl einige Zeit wohnhaft in Nürnberg und kommandierte dort städtische Soldaten.
Von Talhoffer und seinen Schülern wissen wir, dass sie Strafe zahlen mussten, weil es während ihrer öffentlichen Übungen zu Ausschreitungen kam. Derselbe Talhoffer taucht auch in anderen Quellen im Zusammenhang mit einem Mord auf.

 

Um eine scharfes Bild dieser Männer zu zeichnen, fehlen oft Details. Wir wissen eigentlich nur etwas über die Fechtmeister, die Fechthandschriften verfasst haben oder Teil einer Bruderschaft waren. Wie viele Mitglieder diese Bruderschaften hatten und wie viele Fechtmeister es gab, ist nur schwer zu rekonstruieren. Kal nennt in einer Liste (der Gesellschaft Liechtenauers) zum Beispiel Fechtmeister, die der Tradition Liechtenauers angehörten, und die ihm als wichtig genug erschienen, um sie aufzulisten. Talhoffer fehlt in dieser Liste erstaunlicherweise. Da man in den Fechtbruderschaften und an den Fechtschulen aber zum Meister „ausgebildet“ werden konnte, muss man davon ausgehen, dass es noch weitaus mehr Fechtmeister gab.

 

Schaut man sich die heterogenen Lebensverhältnisse an, ist es schwer, etwas über den sozialen Status und das Einkommen dieser Männer zu sagen. Bedenkt man, dass sie umherzogen und oft ihren Auftraggeber wechselten, könnte man davon ausgehen, dass ihr Einkommen nicht besonders hoch war.

 

Hinzu kam eine starke Stigmatisierung als „Fahrende“ und "unehrliche Leute". Auf der anderen Seite waren die Auftraggeber meist Adelige, die über Vermögen verfügten und ihre angeworbenen Bediensteten vermutlich angemessen entlohnten.


Zusammenfassung

Zusammenfassend muss man feststellen, dass sich der Schirmeister / Fechtmeister nicht eindeutig sozial abgrenzen bzw. einordnen lässt, sondern sich wahrscheinlich in und zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten bewegte. Auch über das Einkommen lässt sich keine generelle Aussage treffen.

 

Hauptaufgabe dürfte die Unterweisung im gerichtlichen und außergerichtlichen Zweikampf gewesen sein sowie in Fechttechniken allgemein. Der Titel Schirmeister, ist dann aber weniger als eine Berufsbezeichnung zu verstehen, sondern vielmehr die Fähigkeit, die Fechtkunst zu beherrschen, um daraus dann auf verschiedenen Wegen Kapital schlagen zu können. Neben der scheinbar starken Verbindung zum gerichtlichen Zweikampf, scheint in einigen Fällen auch eine Verbindung zum Kriegswesen bestanden zu haben. Es ist davon auszugehen, dass viele der Schirmeister vermutlich in irgendeiner Weise Kriegserfahrungen hatten.

 

Sie scheinen sich anfangs aus dem „fahrenden“ Volk und vermutlich auch dem Berufskriegertum rekrutiert zu haben. Einige schafften es dann vermutlich, eine bürgerliche Existent aufzubauen und so sesshaft zu werden.


Historische Fechtkunst des späten Mittelalters und historisches Fechten
Die historische Fechtkunst nach Liechtenauer ist eine unbewaffnete und bewaffnete Kampfkunst des 14. und 15. Jhdts. Der moderne Oberbegriff für das historische Fechten lautet: Historische Europäische Kampfkünste (international: HEMA = Historical European Martial Arts).

 

Dabei bilden die Fechtbücher verschiedener Meister, wie Liechtenauer, Danzig, Ringeck und Talhoffer  die Quellengrundlage für das Training. Da die meisten dieser Meister aus dem deutschsprachigen Raum kamen, spricht man auch von der "Deutschen Schule" des Schwertkampfs. Gründer dieser Fechtart war Liechtenauer.

 

 

Was ist das genau?

Gemeint ist damit eine Kampfkunst mit mittelalterlichen Waffen, die sich durch Effektivität und Aggressivität auszeichnet und mehrere Jahrhunderte die europäische Kampfkunst dominiert hat.
Die Fechtkunst nach Liechtenauer bietet Techniken für alle Kampfsituationen, von langen Stangenwaffen, über das Lange Schwert, bis hin zum bewaffneten und unbewaffneten Nahkampf.